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Licence: CC BY-NC-SA 3.0 IG

Soziales Rezept (DFG)

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Soziales Rezept

Nicht-medizinische gesundheitsbezogene soziale Probleme sind in der allgemeinmedizinischen Versorgung häufig anzutreffen. Einerseits sind soziale Probleme Risikofaktoren für somatische und psychische Erkrankungen und beeinflussen deren Verlauf und Behandlung, andererseits können sie auch die Folge von Erkrankungen sein. Sie gehen häufig mit gesundheitsökonomischen Kosten wie Inanspruchnahme und Arbeitsunfähigkeitszeiten der Betroffenen einher.

Ein Lösungsansatz ist „Social Prescribing“ (SP). SP wurde in Großbritannien entwickelt und ist dort inzwischen flächendeckend implementiert. Auch global wird SP inzwischen in vielen Ländern, z.B. Singapur und Kanada eingesetzt. Beim SP können Hausärzt:innen ein soziales Rezept ausstellen, um parallel zur regulären medizinischen Behandlung soziale Probleme anzugehen. Das soziale Rezept überweist Patient:innen zu einem sogenannten Link Worker. Dieser Link Worker erhebt die individuelle Bedürfnisse der Patient:innen, verständigt sich mit diesen auf Ziele und entwickelt gemeinsam mit ihnen einen Aktionsplan. Im Rahmen dieses Aktionsplans werden die Patient:innen an vorhandene lokale Angebote und Organisationen weitervermittelt. Der Link Worker stellt sicher, dass die Patient:innen diese lokalen Angeboten wahrnehmen. Abschließend meldet der Link Worker an die behandelnden Hausärzt:innen zurück, an welche Angebote weitervermittelt wurde. Die Tätigkeit des Link Workers erstreckt sich pro Patient:in im Regelfall über mehrere Sitzungen über den Verlauf einiger Wochen.

Obwohl zahlreiche Projekte zur Evaluation von SP in anderen Gesundheitssystem durchgeführt wurden, gibt es in Deutschland bisher keine RCTs zu SP. Im Rahmen dieser Studie möchten wir deshalb die Machbarkeit einer randomisierten kontrollierten Studie zu SP im hausärztlichen Setting in Deutschland untersuchen. Die Machbarkeitsstudie ist als explorative multizentrische, randomisierte, kontrollierte, zweiarmige, offene, pragmatische Studie geplant. SP wird dabei mit einer Kontrollgruppe (reguläre Versorgung ergänzt um eine Broschüre zu lokalen Angeboten und Organisationen) verglichen. Wir planen ca. 300 Teilnehmer:innen (2:1 Randomisierung, SP vs. Kontrolle) in sieben teilnehmende Hausarztpraxen (Zentren) zu rekrutieren. Primärer Endpunkt ist die Machbarkeit gemessen durch (1) den Anteil der Teilnehmer:innen welche mindestens einen Termin mit einem Link Worker hatten (nur Interventionsarm) und (2) der Anteil der Teilnehmer:innen, welche die Studie vor Ende der Nachverfolgung von 6 Monaten Dauer verlassen (beide Arme). Sekundäre Endpunkte beinhalten die Akzeptanz der Intervention, Praktikabilität, Bedarf und Inanspruchnahme ebenso wie der Gesundheitsstatus, das Wohlbefinden als klinische Endpunkte, sowie die Integration in der Nachbarschaft vor Ort. Die Ergebnisse dieser Machbarkeitsstudie werden die Grundlage für eine nachfolgende konfirmatorische multizentrische randomisiert-kontrollierte Studie zum Effekt von Social Prescribing in Deutschland legen.


Gefördert durch die DFG im Programm Klinische Studien (HE6399/3-1)
Eine Übersicht zur Studie findet sich hier. Die Studie wurde unter der Nummer DRKS00034654 im Deutschen Register Klinischer Studien registriert.

Kooperationspartner
Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie (Biometrie und Datenmanagement)
Clinical Trial Office (Co-Monitoring)
Bergisches Kompetenzzentrum für Gesundheitsökonomik und Versorgungsforschung, Bergische Universität Wuppertal (Gesundheitsökonomie)

Ein Interview mit Natalie Viaux und Jenny Klußmann

Was machen Linkworker eigentlich?
Natalie Viaux: Als Linkworker arbeite ich an der Schnittstelle zwischen medizinischer Primärversorgung in der Hausarztpraxis, Patient:innen und den sozialen/lokalen community Netzwerken. Meine Hauptaufgabe ist es zunächst, achtsam und wertfrei zuzuhören, einen "safe space" zu schaffen, in dem die PatientInnen sich zeigen können, gesehen und gehört werden; gemeinsam explorieren wir ihre individuellen Bedarfe. Wir skizzieren gemeinsam einen „Aktionsplan“, und priorisieren erste Schritte, um gezielt Verbindungen zu geeigneten Unterstützungsangeboten, z.B. Selbsthilfegruppen, Bildungsprogramme oder soziale Dienste herzustellen.

Wie ist das Feedback der Patient:innen? Wie werdet ihr angenommen?
Jenny Klußmann: Ich erlebe die Patient:innen als sehr dankbar und offen. Die meisten sind sehr froh, dass sie ausführlich über ihr Leben und ihre Probleme sprechen können. Es gab auch schon eine Patientin, die berichtet hat, dass sie über das Angebot, welches ich ihr vorgeschlagen habe, eine neue Freundschaft geschlossen hat. Sie war sehr glücklich. Das hat mich sehr gefreut und gezeigt, dass ich etwas bewirken kann.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit der Praxis?
Natalie Viaux: Die enge Zusammenarbeit mit den Praxen ist essentiell für unsere Arbeit als Linkworker. Aktuell bin ich einmal wöchentlich in der Praxis vor Ort und arbeite eng mit den Ärzt:innen sowie dem gesamten Praxisteam zusammen. Die Ärzt:innen identifizieren einen potenziellen Bedarf und können Patient:innen über das Soziale Rezept an mich „überweisen“, sofern sie zusätzliche Unterstützung wünschen. So können wir eine ganzheitliche, patient:innenzentrierte 360-Grad-Versorgung ermöglichen.
Im Studiendesign haben wir keine Vorabinformationen über die Diagnose der jeweiligen PatientInnen; für die Zukunft sind eine transparente Vorabinformation und regelmäßiger Austausch, Feedback über den Fortschritt und die Integration der (lokalen) Angebote in eine Datenbank geplant, auf die dann auch die ÄrztInnen zugreifen können; Informationen breiter und nachhaltig zugänglich machen um den ganzheitlichen Ansatz des „Sozialen Rezeptes" zu unterstützen. Diese interdisziplinäre Zusammenarbeit kann das Bewusstsein für den Wert von Gesundheit und Wohlbefinden, für Verantwortung und Prävention auf Seiten der PatientInnen sowie für die Bedeutung sozialer Gemeinschaft und gesundheitlicher Chancengleichheit schärfen und weiter ausbauen.

Was ist für dich das Schönste an deiner Arbeit?

Jenny Klußmann: Am meisten schätze ich den engen Kontakt zu den Patient:innen und die Einblicke in ihre Lebensrealitäten. Es ist bewegend, wenn Menschen mir so viel Vertrauen schenken und persönliche Dinge mit mir teilen. Besonders schön ist es natürlich, wenn Patient:innen berichten, dass sich ihr Lebenssituation, durch unsere Gespräche und Angebote, tatsächlich zum Besseren verändert hat.

Wer kommt zu euch und was sind Herausforderungen?

Natalie Viaux: Ich würde fast sagen: alle über 18 Jahren. Die Menschen kommen aus den unterschiedlichsten Lebenssituationen: von älteren Menschen, die unter Einsamkeit leiden, über chronisch Kranke bis hin zu jüngeren Patient:nnen, die mit finanziellen oder familiären Problemen zu kämpfen haben. Die Bandbreite der Anliegen ist groß, und das ist auch eine der größten Herausforderungen für mich als LW: menschliche Schicksale. Es ist unsere Aufgabe, die Bedarfe der Menschen auf Augenhöhe zu ermitteln und individuell passende Angebote zu finden.

Unsere Arbeit zeigt, dass soziale Netzwerke und gezielte Unterstützung ein wichtiger Teil der Gesundheitsversorgung sind. Sie können das Wohlbefinden steigern und den Menschen neue Perspektiven eröffnen. Das macht die Tätigkeit als Linkworker so wertvoll.

 

Team

Lena Großmann

Promotionsstudentin und Projektmitarbeit Social Prescribing

Foto: privat
Prof. Dr. med. Wolfram Herrmann

Stellvertretender Institutsdirektor

Foto: Charité / Birgit Formann
Niklas Jeske

Wissenschaftlicher Mitarbeiter

Foto: privat
Julina Lorenz

Wissenschaftliche Mitarbeiterin

Foto: privat
Mariyan Madzharov

M.Sc. HPE , Koord. Modellstudiengang

Foto: Charité Simone Baar
Andrea Pohler

Study Nurse für Social Prescribing

Fpto:privat
Natalie Viaux

Link Worker für SP-EU